Der neue Public Health Index (PHI) vom AOK-Bundesverband und Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) zeigt: Deutschland landet bei der Umsetzung wissenschaftlich empfohlener Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen auf Rang 17 von 18 Ländern in Nord- und Zentraleuropa.
Diese Ergebnisse sind alarmierend, aber auch eine Chance für Veränderung in der Präventionspolitik.

Trotz breiter Unterstützung der Bevölkerung gesundheitsförderlicher Maßnahmen setzt die Präventionspolitik in Deutschland nur wenige der evidenzbasierten Maßnahmen um.
Was der Public Health Index misst
Der PHI bewertet, wie gut Staaten wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen in vier zentralen Handlungsfeldern umsetzen:
- Tabak
- Alkohol
- Ernährung
- Bewegung
Diese vier Faktoren spielen bei etwa vier von zehn Todesfällen in Deutschland eine zentrale Rolle. Sie sind maßgebliche Risikofaktoren für chronische Erkrankungen wie Krebs, Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Genannte Krankheiten kosten gesunde Lebensjahre und belasten unser System finanziell und personell massiv.
Deutschlands Bilanz: Schlusslichter, Schlusslicht, überall Schlusslicht
1. Tabak – Deutschland weit hinter internationalen Standards
Die Tabakkontrollskala zeigt: Deutschland kommt auf gerade einmal 43 von 100 Punkten und bleibt damit deutlich hinter den Empfehlungen der WHO zurück.
- Die Tabaksteuer liegt unter dem von der WHO empfohlenen Niveau
- Werbung ist am Verkaufsort weiterhin erlaubt
- Beim Nichtraucherschutz gibt es in vielen Bundesländern Ausnahmen
Länder wie Irland, das Vereinigte Königreich, Frankreich oder die Niederlande setzen konsequente Tabakkontrollpolitik um – mit rauchfreien Zonen und umfassenden Werbeeinschränkungen. Diese Maßnahmen senken nachweislich die Raucherquoten.
2. Alkohol – fast jederzeit, überall, sehr günstig
Im Bereich Alkohol erreicht Deutschland nur 9 von 40 Punkten – gemeinsam mit Österreich fast das Ende der Skala.
- Alkohol ist nahezu jederzeit verfügbar
- Alkohol wird beworben
- Im internationalen Vergleich ist Alkohol in Deutschland sehr günstig
Die skandinavischen Länder zeigen, dass es anders geht: Höhere Preise, begrenzte Verfügbarkeit und klarer Kinder- und Jugendschutz führen dort zu weniger Konsum und weniger alkoholbedingten Erkrankungen und Todesfällen.
3. Ernährung – kaum Nutzung der wirksamsten Instrumente
Keine der sechs empfohlenen Maßnahmen ist in Deutschland flächendeckend umgesetzt. Es fehlen u. a.:
- Verbindliche Qualitätsstandards für Schulessen
- Regeln für Snack- und Getränkeangebote an Schulen
- Steuern auf stark gezuckerte Softdrinks
- Wirksame Regelungen zum Kinderschutz in der Lebensmittelwerbung
Andere Länder zeigen, dass gerade verbindliche Standards für Schulverpflegung und Steuern auf Softdrinks deutliche Effekte auf Gesundheit und Konsumverhalten haben, insbesondere, wenn sie Teil eines umfassenden Maßnahmen-Mix sind.
4. Bewegung – unteres Mittelfeld mit Potenzial
Im Bereich Bewegung erreicht Deutschland nur das untere Mittelfeld. Allerdings entsteht Bewegung nicht primär durch einzelne Gesundheitsprogramme, sondern durch eine Umgebung, die alltägliche Bewegung einfach macht, beispielsweise durch sichere Fuß- und Radwege, bewegungsfreundliche Städte und Schulen sowie eine Verkehrsplanung, die aktive Mobilität fördert.
Strukturen statt Schuldzuweisungen: Gesundheit ist politisch
In der öffentlichen Debatte wird die Verantwortung für Gesundheit oft auf das Individuum abgewälzt: „Man muss sich halt mehr bewegen“, „besser essen“, „weniger trinken“ oder „endlich mal zusammenreißen, mit dem Rauchen aufzuhören“.
Dabei wird übersehen, dass strukturelle Rahmenbedingungen maßgeblich bestimmen, wie leicht oder schwer es dem Individuum gemacht wird, gesund zu leben:
- Wie teuer sind Zigaretten und Alkohol im Vergleich zu gesunden Lebensmitteln?
- Ist gesunde Ernährung an Schulen Standard?
- Gibt es Werbung für ungesunde Produkte – insbesondere Werbung, die sich an Kinder richtet?
- Ist es sicher und alltagspraktisch, Wege zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen?
Als PRIMA Longevity Institute betonen wir:
Langlebigkeit und gesunde Lebensjahre sind keine reine Frage individueller Willenskraft – sie sind ein Ergebnis politischer Entscheidungen.
Warum passiert so wenig – trotz Evidenz?
Es gibt bereits Evidenz, welche gesundheitspolitischen Maßnahmen wirksam sind. Trotzdem bleiben viele Länder – und Deutschland besonders – bei der Umsetzung zurück.
Eine Analyse im Lancet beschreibt als Ursache dafür ein Zusammenspiel aus:
- mangelndem politischen Willen,
- starkem Einfluss von Lobbyverbänden
- und einer unzureichenden Nutzung wissenschaftlicher Evidenz
Das Brisante: Viele der effektivsten Maßnahmen (z. B. höhere Steuern auf Tabak und Alkohol, Beschränkungen von Werbung für ungesunde Produkte, Mehrwertsteuerbefreiung für gesunde Lebensmittel) werden in der Bevölkerung durchaus unterstützt. Trotzdem tut sich politisch wenig.
Was wir aus Sicht von Prävention und Langlebigkeit fordern
Der PHI zeigt: Deutschland hat keinen strategischen Kompass. Deutschland verspielt seine Präventionschancen. Wir fordern deshalb einen strukturellen Kurswechsel. Und ergänzend zu den 4 Feldern des PHIs eine Longevity-Perspektive, denn gesundes Altern beginnt Jahrzehnte vor Krankheit:
1. Nationaler Präventions- und Longevity-Plan 2035
- ein nationales Präventions- und Longevity-Zielsystem mit messbaren Indikatoren (Rauchquote, Übergewicht, Bewegungsrate, Lebenszeit ohne Krankheit, epigenetisches Alter).
- einen gesetzlichen Rahmen, ähnlich dem Klimaschutzgesetz, der Ministerien verbindlich zur Umsetzung verpflichtet.
2. WHO-konforme Tabak- und Alkoholpolitik innerhalb von 24 Monaten
Die wissenschaftliche Evidenz ist bekannt. Sie muss nur umgesetzt werden.
3. Gesunde Ernährung erleichtern
- verbindliche Standards für Kita- und Schulverpflegung
- Steuern auf stark gezuckerte Softdrinks
- Mehrwertsteuerbefreiung für Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte
- Schutz von Minderjährigen vor aggressivem Marketing ungesunder Lebensmittel
4. Bewegung strukturell ermöglichen
- Investitionen in sichere und durchgängige Rad- und Fußwege
- bewegungsfreundliche Schulen und kommunale Lebenswelten
- Gesundheitsfolgenabschätzung („Health in All Policies“) in Verkehrs- und Stadtplanung
5. Einführung eines „Healthy Aging Score“ ab 40
Ein bundesweites Screening-Programm für kardiometabolische Risiken, Muskelkraft, Inflammationsmarker und funktionelles sowie epigenetisches Alter.
6. Nationale Forschungsmission „Langlebigkeit & Krankheitsverzögerung“
- Ziel: Erkrankungsbeginn verzögern, gesunde Lebensjahre verlängern, Versorgung entlasten
Diese Chance dürfen wir nicht verstreichen lassen
Der Public Health Index zeigt sehr deutlich:
Deutschland nutzt sein Präventionspotenzial bei weitem nicht aus – und bezahlt dafür mit verlorenen Lebensjahren und verlorenen gesunden Lebensjahren. Der OECD zufolge wären in Deutschland knapp 190.000 Sterbefälle im Jahr vermeidbar.
Gerade vor dem Hintergrund eines wachsenden Drucks auf das Gesundheits- und Sozialsystem ist das politisch und gesellschaftlich kurzsichtig.
Wir als PRIMA Longevity Institute möchten dazu beitragen, dass diese Ergebnisse nicht zwischen anderen Themen verschwinden, sondern Ausgangspunkt für konkrete Veränderung werden.
Gesundes Leben muss durch evidenzbasierte Rahmenbedingungen zur einfachen Wahl gemacht werden.
Der PHI liefert die Daten, internationale Vorbilder liefern die Best Practices. Was jetzt fehlt, ist vor allem eines: politische Entschlossenheit.